5.9.7
Gerade hab ich beim Rechtsanwalt den Ordner mit den ganzen Schriftstücken und Fotos der Walnuss abgeholt.
Ich fahre durch die leergefegte Kleinstadt,saukalt ists ,nass und vom Regen saubergewaschen. Dieses fröstelnde zaghafte Sich-strecken nach einem Gewitter gefällt mir gut : auch ich strecke meinen gerupften und gebeutelten Kopf heute zum ersten mal wieder mit dem zuversichtlichen es-ist-erledigt-Lächeln aus dem Sorgentumult der letzten Monate.
Nur ganz kurz: die Überfahrt des Schiffes hat tatsächlich ein Vermögen gekostet.Notwendige Sofortmaßnahmen –nur damit es nicht sinkt-haben ein weiteres kleines Vermögen gefressen…aber das war erst der Anfang….als es aus dem Wasser gekrant war entdeckten wir,dass es“ oben hui und unten pfui“ war das heißt,das Unterschiff ist ziemlich kaputt und die Elektrik muss ebenfalls komplett neu gemacht werden. Auf der Werft hab ich eine Gruppe von Psychologen kennengelernt,die ein ganz ähnliches Schiff gekauft hatten und dessen Restaurierung als eine Art Männerselbstfindungsworkshop seit vielen Monaten und mit großem Einsatz von Zeit und Geld betreiben. Indem sie das Schiff auseinandernehmen und sein Innenleben von all dem kaputten fauligen Holz befreien um es dann gesund wieder aufzubauen tun sie dasselbe mit ihrem eigenen Innern.Ich hab selten so nette,sympathische und auch irgendwie starke
Persönlichkeiten getroffen,wie diese Männer,die unverdrossen in ihren schmutzigen Overalls im Schiffsbauch ihres maroden Kahns das Glück der Erde suchten. Ganz ehrlich (das hab ich IHM nicht gesagt) ich hätte es mir für meinen Liebsten gut vorstellen können,dass er zusammen mit diesen Männern dort sein Glück findet. Aber für mich war das alles gar nicht mehr verlockend.
Leider hab ich beim ebay-Verkauf noch einen dummen Fehler gemacht,so dass unser Kahn schließlich für einen Spottpreis an eine Käuferin ging, die keinerlei Gnade walten ließ und zusammen mit ihrer Anwältin dafür sorgte, dass wir auch beim Verkauf noch einmal richtig Federn liessen….das waren richtig „böse Frauen“ und ich kann (nach eingehender Prüfung meines Gewissens) behaupten, dass ich in deren Situation nicht so gehandelt hätte und auf die moralisch falsche aber rechtlich korrekte Sachlage bestanden hätte. Jedenfalls haben die jetzt den maroden Kahn an der Backe und ich kann ihnen wirklich nichts Gutes wünschen damit….
Ich bin jetzt energetisch und natürlich finanziell etwas gerupft aus diesem Abenteuer herausgegangen,fühl mich noch etwas schwach aber unendlich befreit.Seltsamerweise hab ich das Bedürfnis mich von weiteren Abhängigkeiten und Dingen zu trennen Finanzielles steht dabei gar nicht im Vordergrund.
Innerhalb weniger Wochen hab ich jetzt sämtliche Zeitungsabonnements gekündigt,den Besitz des Pferdes Blondinchen an ein fünfzehnjähriges Mädchen abgetreten (weit unter dem „Marktwert“ des Pferdes)- und es fühlt sich gut an.
Das ist das Neueste : ich frag mich vor allem,wie es sich anfühlt ,auch im voraus und nur wenn die Antwort“gut“ ist,erst dann tu ich es.