Wenn ich es mir so richtig überlege,hab ich mehr Energie im Leben dahin investiert, mir Gedanken zu machen,wie ich um die Erfüllung dieser oder jener Pflicht,Aufgabe, Arbeit und Erwartung herumkomme,als ich gebraucht hätte,um sie einfach widerstandslos und zügig auszuführen.
Die Mutter hat es uns vorgelebt:anstatt das Mittagessen zu kochen oder den Haushalt zu versorgen, blieb sie mit ihren Romanen ,dem Telefon und einer Flasche Rotwein lieber gleich im Bett!
Schuleschwänzen wurde von ihr sogar gefördert,unter der Bedingung ,dass wir während dieser Zeit im Haushalt halfen und der Vater nichts davon mitbekam.
So ergab es sich des Öfteren,dass der Vater morgens ausgiebig unter der Brause stand und die Mutter währenddessen,im Bett, die Reiseschreibmaschine auf den Knien,den Text für die Entschuldigung in der Schule tippte.
Zwei Dinge lernte ich damals: eine Reiseschreibmaschine ist ein Zauberinstrument,das häßliche Pflichten in schöne Freistunden verwandeln kann und:es gibt Menschen,wie den Vater,die sich zum Anwalt dieser Pflichten machen-für sich selbst und für andere.
Tatsächlich hat uns der Vater täglich wissen lassen,dass er sich für uns opfert,dass er einer ungeliebten Arbeit nachgeht,um seine Familie ernähren zu können.
Ich hab ihn damals schon gefragt,was wohl passiert wäre, wenn er anstatt seine Pflichten zu erfüllen,einfach das getan hätte,was ihm Spass machte.
Im Lauf der Zeit hab' ich mich selbst und das Leben so in den Griff gekriegt ,dass ich mit den tausend Erwartungen,die von allen Seiten, von innen und aussen auf mich einwirken, irgendwie umgehen kann.
Trotzdem werde ich das Gefühl manchmal nicht los,dass das, was ich für Selbstverwirklichung halte, in Wirklichkeit kindlicher Trotz ist, mit dem ich mir selbst im Weg stehe und der mich dazu veranlasst,mich interessanten Möglichkeiten zu verweigern!