Samstag, 23. Januar 2010

Gestern erhielt meine Schwester einen Anruf aus dem Nachbardorf.
Ein Ehepaar hatte ihre, seit Anfang Dezember vermisste, Katze Nessel
bei sich aufgenommen und die Vorbesitzer anhand der Tätowierung
im Ohr ausfindig gemacht.
"Bitte lassen Sie sie bei uns,sie ist unser ganzes Glück!" bat die Frau
am Telefon.
Obwohl meine Schwester außer Nessel noch sieben weitere Katzen auf ihrem
Hof zu versorgen hat,würde sie niemals
ein Tier in anderer Leute Obhut geben,ohne den neuen Platz vorher aufs
Genaueste inspiziert zu haben.
Sie fuhr also sofort dorthin,ihre beiden größeren Kinder als Berater im
Schlepptau.
Nessel,die schneeweiße Katze, mit nur einem kleinen, getigerten
Fleck auf dem linken Ohr, lag bei den Leuten auf dem Sofa,dekorativ auf
einem roten weichen Kissen.
Und sie war fett! So unglaublich fett-gemästet,
dass sie kaum laufen konnte und nur anhand der unverkennbaren Zeichnung
zweifellos zu identifizieren war.Auf dem Boden stand ein Teller, mit Gold-
rand, voll gehäuft mit diesem Delikatess-Katzenfutter und in einer Tasse(!)
daneben "Miezi-lac" (Katzenmilch zum Aufpäppeln mutterloser Katzenkinder).
Meine Schwester sagte streng zu dem Ehepaar:" Was Sie mit dieser Katze ge-
macht haben, hat mit Tierliebe nichts mehr zu tun!"
Und zu der Katze,die immer noch griesgrämig auf ihrem Kissen lag, sagte sie
"Schäm dich,Nessel!Du warst zehn Jahre lang bei mir,elf Katzenkinder haben
wir zusammen aufgezogen! Du warst immer eine schöne,sportliche Katze und eine nützliche Jägerin!Pfui,was bietest du uns jetzt für einen Anblick"
Sie ignorierte die Tränen in den Augen des Ehepaars,das sich gegenseitig
stützte und fällte eine für sie typische, sehr weise Entscheidung:
"Nessel soll selbst entscheiden,wo sie zukünftig leben will.Wir nehmen sie
jetzt mit nach Hause.Falls sie zu Ihnen zurückkommt,wird sie nicht mehr
abgeholt."
Ihr Sohn schleppte die leis' fauchende Katze ins Auto.
Sie hat genau eine Runde in ihrer früheren Heimat gedreht,einmal durchs Heu
und durch den Pferdestall,hat jedem ihrer Kinder eine Ohrfeige verpasst,
angewidert am kärglichen Trockenfutter geschnüffelt-und ward' nicht mehr
gesehen.
Ihre neue Familie hat wenig später überglücklich von ihrer Rückkehr berichtet.

7 Kommentare:

waldviertelleben hat gesagt…

stela:
was ist das für eine nette geschichte!
warum sollen katzen die besseren menschen sein? wir würden doch auch den platz im schlaraffenland wählen, wo wir uns zu tode fressen können?!
ein schönes wochenende voller wundersamer erlebnisse wünsche ich dir.
ingrid

Oona hat gesagt…

Na, wenn das nicht wirkt!

kvinna hat gesagt…

Ich denk', die Katz' hat eine Aufgabe gefunden. Weiß nicht, kommt mir so in den Sinn...

sam hat gesagt…

Schöne Gschicht! Im Alter hat mans gern gemütlicher :)
Katzen wissen eigentlich immer, was sie wollen... Sehr sympathisch, die Entscheidung Deiner Schwester.

Einer unserer Kater, aus der Stadt hierher verpflanzt, ist auch ausgezogen, ein paar hundert Meter in ein Wirtshaus der gehobenen Klasse.
Dort ist er bald gestorben. Er hat einfach gerne gut gespeist unter distinguierten Leuten. Damit konnten wir hier nicht dienen.

Sati hat gesagt…

Schöne Geschichte. Und die Entscheidung der Katze hat mich etwas überrascht - finde ich sehr interessant, geht doch bei Ihnen demnach auch Fressen vor Freiheit.

Dein neues Begrüßungsfoto gefällt mir sehr - und ich sehe, du bist gut behütet von zwei echten Charakterköpfen.

Viel Spaß auch weiterhin mit skurillen Besichtigungsgestalten, Sati

Stela hat gesagt…

Hallo zusammen!
Eigentlich dachte ich schon,dass die Katze bei ihrer alten Familie bleibt und bin verwundert wie hoch auch bei manchen Tieren häusliche Gemütlichkeit und gutes Essen im Kurs stehen!!!
Meine Schwester ist bei dieser Entscheidung über einen sehr großen Schatten gesprungen.
Sie setzt sich für artgerechte Tierhaltung ein und ihre Tiere bekommen nur biologisches Futter.
Aber manche Tiere wissen das eben gar nicht zu schätzen.
Meine Schwiegereltern hatten früher einen kleinen fetten Hund.
Der ging auf JEDES Bierfest,immer der Blasmusik nach und heulte dort solang bis ihm jemand eine Bratwurst gab und manchmal sogar etwas Bier.(die Scheine!!)Dann wankte er heim.
Ich hab ihn viermal abgespeckt und getrimmt als ich ihn im Urlaub hatte-mit sehr kurzfristigem Erfolg
aber er wurde 16 Jahre alt.
Stela

Oona hat gesagt…

Klasse Geschichte!