Dienstag, 4. Dezember 2018

die Kamelfrau, die keine mehr ist

In meiner Nachbarschaft lebt eine ganz besondere junge Frau:
illegal hat sie sich eine kleine Feldscheuer zu Wohnhaus
und Stall umgebaut.
Alleine wohnte  sie dort mit Schafen, Alpakas einem großen
schwarzen Hund und sieben Kamelen.
Das Leben im Freien mit den Tieren hat ihren Körper kräftig
und gesund gemacht, ihre Manieren sind leider ebenfalls
rauh und ungehobelt (geworden), eine Menschenfreundin
war sie noch nie.
Das Blöde war nur,dass sie versuchte, mit dem Kamelhof
ihr tägliches Brot zu verdienen.
Es gab Kamel-Events, die man bei ihr buchen konnte:
Ausritte oder Ausfahrten mit dem Kamelwagen oder
Geburtstag mit Kamelen.
So kamen mir als direkte Nachbarin immer wieder Klagen zu
Ohren...
Leute, die z.B. einen Geburtstag mit Kamelen gebucht hatten
berichteten: "Also diese Frau ist sowas von unfreundlich,
wir wollten einen lustigen Nachmittag mit Freunden organisieren
und sie hat uns angefahren, als würde sie uns am Liebsten vom
Hof jagen .."
Ich hatte gleich eine lustige Geschäfts- Idee: einen Kamelausritt
organisieren und danach orientalische Speisen aus meinem
Gasthaus servieren.
Ich ging begeistert rüber,um ihr das vorzuschlagen, aber sie hat die
Tür nicht mal aufgemacht, nur finster aus dem Fenster geschaut.

Jahrelang habe ich mir das jetzt angeschaut, wie sie sich alleine
auf den Wiesen und mit schwerem Gerät auf ihren Weiden mühte.
Und das, obwohl ich von einigen " kamelverrückten" Leuten
wusste,die ihr gerne, auch ohne Geld zu verlangen, geholfen hätten,
aber ein bisschen gute Stimmung hätten sie natürlich schon erwartet.

Ich beobachtete ,wie sie selten, vielzu selten, mit einer Gruppe
von Leuten einen Kamelausritt machte.
Ein skurrilles Bild, diese schönen Wüstentiere hier in unserer
Steuobstwiesenlandschaft, zig Fotos habe ich gemacht.

Vor zwei Wochen begegnete sie mir, bei dem Bauern ums Eck,
wo mein Pferd steht.
Hemdsärmelig stand sie auf dem Mistwagen und lud  mit energischen
Bewegungen den Kamelmist händisch ab, offensichtlich war das
Abladeband des Mistwagens defekt.
Ich stieg gleich hoch und half ihr dabei, den Rest vom Mist nach unten
zu befördern.
Zum ersten Mal auf Augenhöhe, war sie überraschend freundlich
und gesprächsbereit.
"Weisst du ,wie ich diese abartige Maloche satt habe? Und diese
unmöglichen Menschen, die sich für Kamele interessieren?
Und dann kommen viel zu wenige! Wenn meine Eltern mich nicht
in allem unterstützen würden wäre ich längst untergegangen.."

Ich wollte ihr eine neue  geschäftliche Kooperation anbieten,
mein Kopf ist ja voll von solchen Ideen- aber soweit kam ich gar
 nicht.
"Ich versuche seit Jahren, die Kamele zu verkaufen -und jetzt ist es soweit!
Ich habe einen Käufer gefunden"sagte sie mit rauher Stimme und
wischte verstohlen eine Träne weg.

Schon zwei Tage später kam im Morgengrauen ein riesiger Tiertransporter
herbeigefahren.
Es dauerte bis in den frühen Nachmittag, bis alle Kamele verladen waren.
Manche wollten einfach nicht einsteigen und andere protestierten
mit großem Gebrüll.
Dann fuhren die Kamele für immer davon und die ehemalige Kamelfrau
kann sich jetzt anderen Dingen widmen.





Dienstag, 16. Oktober 2018

gestorben

Sie ist gestorben, meine Liebe.
Ein kleiner Trost, dass sie keine Schmerzen hatte, keine schlimmen
Behandlungen durchgeführt wurden und dass sie zuhause bei Ihrer
Famile sein konnte und nicht in ein Krankenhaus musste.

Als ich sie das letzte Mal besuchte, residierte sie in ihrem Schlaf-
zimmer und wir Besucher setzten uns zu ihr aufs Bett.
Nacheinander gesellten  sich einer ihrer Pudel, ihr Enkelkind und
 der Ehemann mit kalten und warmen Getränken dazu, das Bett ist
groß.
Wir schauten Fotoalben an und unterhielten uns über Belangloses,
die Stimmung war heiter.
Irgendwann wurde sie müde und brauchte ihre Infusion.
Im Hinausgehen sah ich wie Schwiegertochter und Ehemann
(die Schwiegertochter war mal Krankenschwester) , ein
routiniertes  Team, die medizinischen Geräte für die Infusion
vorbereiteten.
Später nahm ihr Ehemann uns tröstend in den Arm.
Ihre Schwester war mit mir gekommen und sie war nach dem
Besuch weinend zusammen gebrochen, als sie den Zustand
und das baldige Ende so plötzlich begreifen musste.

Am traurigsten finde ich,dass sie so gerne noch gelebt hätte.

Sie hat fast so lange ich sie kannte, mit dem Leben gehadert.
Sie war übergewichtig und hasste ihr Aussehen,
sie fand sich nicht klug und gebildet genug und bvbesuchte
tausend Kurse-so viel Stress.
Sie haderte mit ihrem Ehemann,der sich aus der Erziehung
ihrer beiden Söhne ausklinkte und ihren Leidenschaften
wenig Begeisterung entgegen brachte.
Vor ungefähr zwei Jahren änderte sich alles zum Positiven.
Plötzlich hatte sie ihr Normalgewicht und freute sich so
darüber,dass sie zu einem Fotoshooting ging.
Ihr Ehemann versuchte, ihr eine Freude nach der anderen zu
machen, organisierte heimlich eine Reise an
alle möglichen Orte,an die sie mal als Wunschziel geäußert
hatte.
Sie hörte auf ständig Kurse zu besuchen und gab Arbeiten auf,
an denen sie keine Freude mehr hatte.
Sie hörte auf,sich darüm zu kümmern,was andere Leute von
ihr hielten.
Sie war glücklich.
Sie zeigte mir ihren Lieblingsweg mit ihren Hunden und
sie sagte:" Hier bin ich so glücklich"
Dann kam der Krebs.
 

Dienstag, 22. Mai 2018

Seit ich von der Krankheit meiner Lieben weiss,lebe ich in zwei
Realitäten:
Die eine will es nicht wahrhaben.
Sie sieht die fröhliche scheinbar gesunde  Frau und malt und
agiert und kreiert und entflieht auf Ausritte und Yogasessions und
Ballettaufführungen und und und....
 als könnte sie der anderen damit entkommen
als könnte sie dem Tod damit entkommen
Die andere weiss Bescheid.
Ein dunkler  Schatten hat sich über alles gelegt.
Noch schwach.
Aber voller Ahnung.
wie viel Zeit haben wir noch?




Montag, 14. Mai 2018

ungefähr fünf Wochen im Paradies der Sorglosigkeit
waren das:
 der Abenteuerer (mein Exmann mit dem ich noch
immer freundschaftlich verbunden bin) hat eine schwere Herz-Op
gut überstanden, alle meine Lieben gesund und fröhlich, mein
Geschäft läuft super,ich fühle mich sicher und glücklich in meiner
Rolle als Wirtin, auch nach längerer Zeit wieder sicher im Sattel,
habe alles so  gut im Griff,dass es fast täglich einen schönen Ausritt
mit Pferd und Hund in die blühenden Wiesen reicht und so weiter
auf allen Ebenen Glück ...

Mit einem Wort: das Leben ist HEITER.

...WAR heiter, bis gestern abend,als ich von der fatalen Diagnose
einer lieben Verwandten hörte.
Einer,mit der ich schon durch dick und dünn gegangen bin,mit der
ich so richtig was zusammen erlebt habe, Abenteuer, Sorgen,Kinder
kriegen und großziehen, schlimme und schöne Geschichten.
Das verbindet.
Und sie war immer so eine Liebe.Wie oft hat sie mich bei sich
aufgenommen,wenn ich vor meinem Ehemann geflüchtet bin.

Ihre Krankheit kommt für mich aus heiterem Himmel
und reißt mir den Boden unter den Füßen weg.
Erst vor zwei Wochen habe ich mich darüber gefreut,dass sie so
gesund und glücklich aussieht,so ausgeglichen.
Ich habe einfach absolut gar nichts gemerkt.

Dienstag, 8. Mai 2018

In meinem neuen Leben mache ich wieder jeden Tag einen Handstand.
Das habe ich jahrelang nicht getan ,weil mir eine Yogalehrerin davon
abgeraten hat.Inzwischen kann ich selbst herausfinden,was gut
für mich ist.
Ich habe eine Sprossenwand montieren lassen und an diese Wand
gestützt stehe ich jeden Tag ungefähr maximal 30 Sekunden auf den
Händen.
Ich brauche immer 2-3 Anläufe bis ich "stehe" und es sieht sicher nicht
besonders cool aus, eher so wie die obige Zeichnung ,aber das gross-
artige Glücksgefühl hat mich süchtig gemacht.
Ich vermute mal,ähnlich wie unter der eiskalten Dusche schüttet mein
Körper Endorphine aus,wenn ich im Handstand stehe.
Das empfinden  nicht viele Menschen so wie ich und deshalb erzähle
 ich es normalerweise nicht.
Ich habe ähnlich wie bei der "Heldenstellung " im Yoga das Gefühl,
dass mich eine starke Energie durchflutet wenn alles umgedreht ist
und gleichzeitig habe ich auch für ein paar Sekunden einen anderen
Blickwinkel,manche Idee und mancher Gedankenblitz ist mir im
 "ANDERSRUM" gekommen.


Montag, 7. Mai 2018

Eine Ode an Clara...
Clara war Sportstudentin und jobbte letzten Sommer als
Bedienung in unserem Biergarten,bevor sie ihren Abschluss
machte und einen richtigen Job fand.
Clara ist absolut perfekt.Mit ihren 184 cm Körpergrösse
(obwohl sie wie alle grossen Frauen immer behauptete,
175cm groß zu sein-maximal) überragte sie auch die meisten
männlichen Gäste und wenn wir uns darüber beklagten ,
dass wir die schweren Tabletts treppauf treppab in den
Biergarten befördern mussten, so war das für sie höchstens eine
kleine sportliche Übung, zum Warmwerden, maximal.

So unverwüstlich wie ihr kräftiger Körper, war auch ihre
Freundlichkeit gegenüber den oft nervigen Gästen.
Einmal hat sie mir allerdings, ungewollt, einen gewaltigen
Schrecken eingejagt:
Ihren kräftigen Körper habe ich schon erwähnt.
Aber unglaublich kräftig ,praktisch überdimensional riesig
ist ihr Hinterteil.
An diesem Samstag arbeitete sie schon im Biergarten,als
ich dazu kam.
Sie trug ein schwarzes Top,eine haut-oder rosefarbene
Leggins und die schwarze Serviceschürze.
Ich hatte meine Brille nicht auf und für mich sah es so aus,
als hätte sie gar keine Hose an.
Es verschlug mir die Sprache und ich  brachte nur krächzend
heraus:
"Um Himmelswillen, Clara, warum????...."
Aber da war ich schon nah genug dran, um zu sehen,dass sie
sehr wohl eine Hose anhatte, eine hautfarbene halt..
Sie drehte sich um und lachte mich mit ihrer unverwüstlichen
Freundlichkeit an und sagte:
"Was ist los Chefin? Alles in Ordnung..?"

Montag, 23. April 2018

Richtig blöd an der Gastronomie(bezw. unserem Gastro-Projekt)
 finde ich, dass ich immer dann frei habe,wenn andere arbeiten..
und immer dann arbeiten muss, wenn andere ein Fest machen.
So störte mich heute morgen als ich aussschlafen wollte ,das
laute Geräusch des Laubföhns auf unserem Dorfplatz (früher
gab es Besen,die waren lautlos und die Gemeindearbeiter hatten
gleich ein kleines Fitnesstraining...) und als ich später in bester
Freizeitlaune auf ein Schwätzchen bei der Schwester vorbei
schaute, musste sie ständig an ihr Geschäfts- Telefon und
bereitete nebenbei ein Essen für ihre Familie zu.
Ich musste aufpassen,dass ich ihr nicht im Weg rumstand
und kam mir ein bisschen störend vor.
Zu Geburtstagen oder Grillfesten, die samstags stattfinden, werde
ich schon gar nicht mehr eingeladen und ich bin richtig froh,
dass es ein paar wenige Freunde gibt,die uns so gerne dabei
haben wollen, dass sie Treffen und Feste auf Montagabend oder
Dienstagabend legen, denn da kann ich immer.