20.1.09
Meine Vorstellung vom Altwerden ist von meinen beiden ganz verschiedenen Großmüttern geprägt,die ich glücklicherweise ziemlich lange und intensiv erleben durfte.
Da war meine Oma Else die Tugendhafte,Mutter meiner Mutter. Eine kleine zarte Frau mit großen dunklen ängstlichen Rehaugen und wahnsinnig geschickten Händen.
Ihr Beruf war Putzmacherin-Hutmacherin. Sie hat sich selbst und ihren beiden Töchtern, sowie uns Enkelkindern und unseren sämtlichen Puppen und Teddybären ,Kleider,Handtaschen und sogar winzige Schuhe aus Handschuhleder für winzige selbstgebastelte winzige Figuren genäht und gebastelt.
Sie ist vollkommen darin aufgegangen andere glücklich zu machen.Irgendwie war da immer ein gestrandetes Haustier,das sie gesundpflegen konnte oder ein Enkelkind,welches sie mit Hingabe verwöhnen oder mit Bastel-oder Malarbeiten von seinem Kummer ablenken konnte.Ihr war nie irgendwas zuviel.
Manchmal wurden wir fünf wilden Enkelkinder wochenlang schamlos von unseren Eltern in den Ferien bei ihr und dem Großvater abgegeben.
Ich hab niemals ein lautes Wort von ihr gehört, sie nie anders als in dezenten, geschmachvollen Kleidern gesehen,sie war niemals beschwipst oder ihre Frisur verstrubelt.
Sogar an dem Tag ,als sie starb, hat sie vorher noch den Haushalt versorgt und das Mittagessen gekocht.
Kurz vor ihrem Tod hat sie mir ein bodenlanges weites Cape genäht aus schwerem schwarzem Mantelstoff,das ist über dreißig Jahre alt und sieht noch wunderbar aus.
Die andere Oma, Mutter meines Vaters hieß Claire, sie wollte nicht Oma genannt werden sondern Mutterle,weil sie sich für’s Omadasein zu jung fühlte.
Sie war groß und stark und laut- und stand immer unter Starkstrohm.
Sie liebte es ihren Haushalt schnell und mit minimalistischen finanziellem und arbeitstechnischem Aufwand zu führen und das gesparte Geld und die gesparte Zeit in der Stadt im Cafe auszugeben,mit ihren Freundinnen und Schwestern oder auf Reisen.
Ich ärgere mich noch heute ,dass ich als bockiger Teenager kein Interesse an ihren Haushaltstipps hatte-die waren echt gut.
Claire hat Bonbonfarben geliebt in ihrer Einrichtung sowie bei ihrer Kleidung. Sie hat auch Hosen getragen und ..“für ihr Alter immer viel zu kurze und zu bunte Röcke.“ …wie meine Mutter ,die sie nicht ausstehen konnte, mißgünstig bemerkte.
Ihr Haar war kupferrot gefärbt- auch mit dreiundachtzig noch.
Sie reiste noch mit siebzig alleine zu Verwandten nach Brasilien und hat ihre kleine Wohnung in Spanien,direkt am Strand, kurz vor ihrem Tod das letzte mal besucht.
Sie hatte immer einen Sprachkurs „Spanisch“ im Einsatz,denn es fuchste sie unendlich,dass sie den Leuten in Spanien nicht all das erzählen konnte was in ihrem Kopf rumspuckte.
Ich kann mich an einige Szenen erinnern,wo sie ein Glas zuviel vom dunklen spanischen Rotwein getrunken hat und dann entweder sehr lustig aber manchmal auch sehr streitlustig geworden ist.
Oma Claire starb mit dreiundachtzig Jahren -ähnlich wie ihr Sohn,mein Vater- an Herzversagen,als sie unten in der S-Bahnstation –immer eilig- die Treppe wieder hochrennen wollte.
Das Leben und Altwerden meiner Großmutter Claire kommt meiner Idealvorstellung ziemlich nahe.
7 Kommentare:
Hallo Stela!
Ja, es ist gut seinen Großmüttern Achtung zu zollen, in Liebe an sie zu denken, ihr Andenken zu bewahren.
Wir haben sie als Kinder erlebt. Hätten wir sie als Mütter gehabt, würden wir vielleicht anders denken.
Mein Opa behandelt mich gut. Ich war sein "Herzepeppelchen", wie er immer satgte. Mein Vater hingegen bezog immer Prügel, hat keine besonders guten Erinnerungen...
und was wollte meine Oma schon tun, als Frau, hatte sie wenig zu sagen, in der damaligen Zeit.
Jörg´s Oma, über achzig, hat zwei Kriege erlebt, ihren Mann, und ihre Tochter begraben....und hat nie geklagt. Bewunderswert...
Liebe Grüße
Grey Owl
Moing Stela,
Deine Omas hatten beide das Glück bis direkt zum Tod hin zu leben, sowas ist heute eher rar geworden, auch einer meiner Omas war das nicht vergönnt.
Ich weiss auch, dass ich niemals in dezenten oder geschmackvoller Kleidung oder sonstwie eine würdige Alte werden möchte.
Am Land hier gibts noch ein paar laute Omas mit Haaren auf den Zähnen (und im Gesicht:), aber sonst kommts mir eher so vor, als würde diese Spezies selten.
Wachbleiben :))!
Liebe Rosi,
ich finde das Leben meiner Großmutter Claire deshalb bemerkenswert,weil sie einfach nicht die von ihr erwartete Funktion und Rolle ausgefüllt hat.Und sie hat zu einer Zeit damit angefangen als Gleichberechtigung,Selbstverwirklichung
etc.nicht in aller Munde waren.
Sie hat einfach immer schon ihr Ding gemacht,das find ich gut.
Stela
Hi Sam,
Nix ist grusliger als die Vorstellung durch Alter oder Krankheit wieder zu einem hilflosen
pflegebedürftigen,teilumnachteten Wesen zu werden.
Ich versuche mich an der Überzeugung
aufzurichten,dass ich mit meinem Wünschen Wirken Handeln etwas dafür tun kann,dass es nicht so wird.
Meinst du so eine Ende kann "unabwendbares"Schicksal sein,das einfach vorbestimmt ist?
grusel!
Stela,hellwach
Nein, das glaube ich nicht, auch *grusel*
Hier gibts so einen Spruch: "Wer gradaus lebt, stirbt gradaus" (für Nichtbayern: gradaus meint in etwa aufrecht, richtig)
Wenn mensch allerdings in die Fänge des medizinisch Möglichen gerät kann das schon mal länger dauern mit dem Sterben.
Man vergisst leicht, dass nicht wenige Dahinsiechende ohne Medizin- und Pharmatechnik längst tot wären (oder gar nicht erst geboren), weil sie gar nicht die Chance hatten, eine Krise wie Blinddarmentzündung, Unfälle, Nierenversagen, Krebs, Risikogeburt etc. aus eigener Kraft durchzustehen, bzw. die Erfahrung von Heilung zu machen, ganz grundsätzlich.
Krisen kommen nicht von ungefähr und es ist schon zwiespältig, was die Medizin dann leisten kann.
Bevor es Antibiotika gab, sind z.B. chronisch Herzkranke oft an einer Lungenentzündung gestorben. Die Chance haben sie heute nicht mehr so leicht.
Verhungern und Austrocknen, was früher zum Sterben aus altersschwäche dazugehörte geht heute auch nimmer. Usw.
Leiden, Schwäche und Schmerz gehört m.E. zum Leben, da will aber niemand was zu tun haben, deswegen wirds bekämpft wie blöd - und findet natürlich andere Wege, wie so vieles, was man erstmal nicht wahrhaben oder hinnehmen mag.
also ich würde auch lieber wie Oma Claire beim Treppe-Hinaufrennen tot umfallen! Und sicher auch nicht klaglos und elegant.
Schön sind deine Geschichten, Stela!
Ein interessanter Post!
Schönen Sonntag wünscht Trudy
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