Vor vielen Jahren hatte ich einen Crepesstand in der Fussgängerzone
einer Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb.
Den Teigbekam ich in grossen Alu-Milchkannen geliefert von einer
kleinen uralten Bäckerei um die Ecke.
Es war eine altmodische Bäckerei mit grossen geschwungenen
Glasvitrinen ,die heute unbezahlbar sind.
Direkt angegliedert war ein kleines dunkles Cafe mit schweren
Plüschsesseln und verzierten Holztischchen vollgestopft mit Nippes.
Es saßen immer einige Damen mit ulkigen Kopfbedeckungen und
edlen Kostümen an den Tischen und vereinzelt auch mal der eine
oder andere Herr mit Anzug und Kravatte.
Die Chefin des Ganzen war die Bäckerin.
Eine ältere Dame (Mitte fünfzig,so alt wie ich jetzt...!!) voluminös
und würdevoll im dunklen Tupfenkleid über das sie eine tadellos
weisse Spitzenschürze zum Servieren trug.
Das Cafe und den Laden schmiss sie alleine, in der Backstube
arbeitete ihr Mann,der Bäckermeister mit einem Gesellen.
Es funktionierte einige Jahre sehr gut.
Ich bestellte den Teig und holte ihn in der Bäckerei ab,manchmal
war da Zeit für ein kurzes Schwätzchen.
Die Grande Dame hatte immer wieder einen Tipp oder eine Auf-
munterung für mich blutige Anfängerin parat und ich machte Augen
und Ohren auf um möglichst viel zu lernen.
Einmal sah sie traurig aus und sagte: "Wir geben die Bäckerei
und das Cafe auf.
Das Gebäude soll abgerissen werden.Und vielleicht ist es auch
besser für uns,meinen Mann und mich,wenn wir eine geregelte
Anstellung annehmen, mit Achtstunden-Tag und Urlaub und
sowas,auf unsere alten Tage..."
Dann war die Bäckerei zu und ich sah sie ein halbes Jahr später
zufällig wieder ,als Verkäuferin in der Dessous-Abteilung
eines Kaufhauses.
Ich hab sie nicht gleich erkannt,aber sie mich.
Sie stürtze sich fast auf mich und unter Tränen sprach sie vom
grössten Fehler ihres Lebens.
Das Angestelltendasein gefiel ihr überhaupt nicht.
Es war bereits der zweite Job im Kaufhaus und sie hatte überhaupt
nur einen bekommen, weil der Käufer des Bäckerei-Gebäudes
das mit dem Chef des Kaufhauses ausgehandelt hatte.
Die jüngeren Verkäuferinnen mobbten sie und der Chef hatte ihr
zu einer Diät und einem Schmink-Kurs geraten.
Ihrem Ehemann erging es ähnlich :er kam ebenfalls nicht mit den
jungen Kollegen zurecht und hätte gerne auf etwas mehr Freizeit
gepfiffen,wenn er nur
seine Backstube dafür wieder hätte zurück
bekommen können.
"Wir waren unser Leben lang die Chefs in unserem eigenen Laden..
und wir waren einfach wer...das hätten wir nicht aufgeben sollen.."
ich hab damals irgendwas bei ihr gekauft in der Dessousabteilung
und bin schnell wieder verschwunden.
Besonders tragisch fand ich ,dass das alte Bäckereigebäude noch
ACHT Jahre dort stand,bevor es tatsächlich abgeerissen wurde,
das hätte den beiden noch bis zur Rente naus'gereicht,wenn sie
sich nicht hätten vertreiben lassen...
Als mir diese Geschichte kürzlich wieder in den Sinn kam kündigte
ich bei meinem lieben Schwager und stürze mich seither voll in mein
neues Projekt: mein kleines Gasthaus,das ich mit meinem neuen
Liebling,der Koch ist, mit Feuereifer betreibe.
Denn ,wer wie ich fast ein Leben lang sein eigener Chef war,der taugt
nicht mehr für ein Angestelltendasein...